SCHRIFT

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war Sachsen die „am stärksten industrialisierte Region in Deutschland“, mit 60% der Beschäftigten in Industrie, Handwerk und Bergbau, 27% im Dienstleistungssektor und nur 13% in der Landwirtschaft (1). Umso schlimmer traf die Weltwirtschaftskrise Sachsens Industrie, da die Exportquote sehr hoch war (1927 z.B. 26-27%) und mit dem Ausbruch der Krise in Amerika der Überseeexport wegbrach(2). Besondere Einbrüche gab es im Baugewerbe, der Textilindustrie (und dort besonders im Heimgewerbe im Erzgebirge und Vogtland) und anderen für den Export herstellenden Industrien(3). Dies zog eine Welle von Arbeitslosen nach sich; waren 1928 89.000 registriert, so waren es 1932 703.000 (4). Hilfsprogramme und Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen wurden nur teilweise von der überforderten Landesregierung unternommen. Und eben in den Regionen mit starker Heimindustrie, wie eben das Erzgebirge und Vogtland, die sehr stark von der Krise und der Arbeitslosigkeit betroffen waren, konnte eine NSDAP von Anfang an Wähler und Gleichgesinnte finden(5). Ebenso ebneten zahlreiche sächsische Vereine und Verbände mit verbreitet antisemitischen Ansichten den Weg für den Erfolg der NSDAP (6). So wurde 1921 die erste NSDAP-Ortsgruppe in Zwickau, unter der Führung Fritz Tittmanns, gegründet (7).

In den Jahren darauf folgten weitere Gründungen. Eines der frühesten Themen in den Ortsgruppen war der Antisemitismus, der sich im Mittelstand – der Hauptgruppe, aus der sich die Mitgliederzahl speiste – seit der Depression nach der Gründerkrise 1873 gefestigt hatte (8). Schon frühzeitig kristallisierten sich bestimmte Galions- und Führerfiguren der völkisch-antisemitischen Bewegung in Sachsen heraus, so beispielsweise Martin Mutschmann in Plauen (und als Gauleiter dann für Sachsen und Dresden), Manfred von Killinger in Dresden oder Theodor Fritsch in Leipzig. Auch war die NSDAP frühzeitig in der Öffentlichkeit durch kleinere und große Veranstaltungen, Versammlungen und Aufmärsche sehr präsent (9), was einen Zustrom an neuen Parteimitgliedern, zumeist jungen Männern, ermöglichte (10). Nach dem kurzzeitigen Parteiverbot 1923 erstarkte die wieder gegründete NSDAP ab 1925 langsam neu und zählte zum Ende des Jahres bereits 35 Ortsgruppen und 3.000 Mitglieder; diese Zahlen erhöhten sich in den nächsten Jahren und so hatte die sächsische NSDAP 1928 4.600 Mitglieder und 130 Ortsgruppen, im Jahr 1931 bereits 27.000 Mitglieder (11). Zudem etablierte sich schon frühzeitig ein starker Führerkult um Adolf Hitler. Mit der zunehmenden Hinwendung breiter Schichten innerhalb der Bevölkerung zum Nationalsozialismus setzte der „Zerfall der bürgerlich-demokratischen Mitte“ ein (12). Schließlich, in weiten Teilen des ehemals „roten Sachsens“ schon stark etabliert und durch eine verunsicherte bürgerliche Wählerschaft unterstützt, gewann die NSDAP bei der Reichstagswahl im Juli 1932 41,2 % der Wählerstimmen (13).

In Hellerau wurde die neue Regierung der Nationalsozialisten schnell akzeptiert, bis 1932 gab es zwar noch eine starke KPD, diese wurde aber spätestens durch das „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ von 1933 aus der Gemeinde vertrieben. Innerhalb eines halben Jahres konnten dadurch rund 2.000 Verfahren sachsenweit gegen Verwaltungsbeamte durchgeführt werden (14). Die Gartenstadt-Gesellschaft war seit 1922 in Staatsbesitz (15) und musste demnach den Wandel hinnehmen. Viele Mitglieder der NSDAP waren mit Machtantritt der Nationalsozialisten in wichtigen Ämtern vertreten, so beispielsweise Ortsgruppenleiter (OGL) Willy Junge, er wird zweiter Vorsitzender des Vorstandes der Baugenossenschaft Hellerau und Erich Reuther wird zweiter Schriftführer in derselben (16). Eine tiefe Überzeugung des neuen Regimes spiegelt sich im Verhalten der Versammlungsmitglieder in der ersten Gemeindeverordnetensitzung; groß scheint die Erleichterung über den Verlust der anderen Parteien. So berichtet die Dresdner Heidezeitung am 06.05.1933:

„Wie hatte sich die Zusammensetzung des Kollegiums geändert. Der Bürgermeister und neun Gemeindeverordnete im Braunhemd und zwei in der Kleidung des Stahlhelms […] das erste Parlament nach der Revolution, welches ohne Marxisten besetzt ist. Der oberste Grundsatz […] Ordnung und Sauberkeit in der Verwaltung […] Rähnitz-Hellerau galt einst als Hochburg der Marxisten. […] Der Bürgermeister gibt weiterhin die einzelnen Schreiben der SPD- und KPD-Vertreter des Gemeindeverordneten-Kollegiums bekannt, die darin ihre Mandate niederlegen […]. Gv. Obst gibt hierauf eine Erklärung der nationalsozialistischen Fraktion ab, in der selbiger ausführt, daß die Revolution ein marxistenfreies Parlament gebracht habe. Die Revolution werde weiter ohne Nachsicht bis zu Ende durchgeführt.“ (17)

Nach dem Tätigkeitsbericht des Bürgermeisters schloss die nur einstündig dauernde Versammlung mit einem „dreifachen Sieg-Heil“ und dem Wunsch „[sei die] einmütige Geschlossenheit des einst marxistischen Parlaments in Rähnitz-Hellerau […] ein leuchtendes Vorbild für all unsere Nachbargemeinden.“(18) Obwohl es so viele Marxisten und SPD-Vertreter in Hellerau gegeben hat, vollzieht sich der Wandel zum NS so rasch. Zwischen 1928 und 1930 konnte die NSDAP ihr bestes relatives Ergebnis einfahren, in Hellerau konnte sie die Zahl ihrer Stimmen etwa verzehnfachen, in Rähnitz sogar verhundertfachen, und war bis 1933 nicht mehr bei Reichstagswahlen unter die Marke von 395 Stimmen (Rähnitz und Hellerau 1930 zusammen) gefallen. Seit der Reichstagswahl im Juli 1932 war der Vorsprung der NSDAP im Ortsteil Hellerau nicht mehr aufzuholen, dort war sie seitdem stärkste Kraft. Rechnet man für den Ortsteil Hellerau die Stimmen der nationalistischen Parteien NSDAP und DNVP (bzw. Kampffront Schwarz-Weiß-Rot) im Jahr 1933 zusammen, so unterstreicht es die steigende Tendenz der Zustimmung zu antidemokratischen Parteien.

Textbeitrag von Claudia Dietze

1 So die Zahlen von 1907, in: Karlsch, Rainer; Schäfer, Michael: Wirtschaftsgeschichte Sachsens im Industrie- zeitalter, Dresden; Leipzig 2006, S. 134.
2 Ebd., S. 183.
3 Ebd., S. 181f.
4 Ebd., S. 182.
5 Wagner, Andreas, „Machtergreifung“ in Sachsen. NSDAP und staatliche Verwaltung 1930-1935, Köln 2004, S. 33.
6 Beispielsweise der „Deutsch-Völkische Schutz- und Trutz-Bund“, vgl. ebd., S. 33, oder diverse Heimatvereine, siehe: Schaarschmidt, Thomas: Regionalkultur und Diktatur. Sächsische Heimatbewegung und Heimat- propaganda im Dritten Reich und in der SBZ/DDR (= Geschichte und Politik in Sachsen, Bd. 19), Köln 2004.
7 Vgl. Vollnhals, Clemens: Der gespaltene Freistaat: Der Aufstieg der NSDAP in Sachsen, in: Ders. (Hg.): Sachsen in der NS-Zeit, Leipzig 2002, S. 9.
8 Ebd., S. 10.
9 Wagner, Machtergreifung, S. 50.
10 Vollnhals, Freistaat, S. 10.
11 Ebd., S. 18, 21, 29.
12 Ebd., S. 20.
13 Ebd., S. 26.
14 Wagner, Machtergreifung, S. 235.
15 StAD 9.1.36 Nr. 10, S. 150.
16 Artikel in Dresdner Neueste Nachrichten vom 9.6.1933 in: StAD 9.1.36 Nr. 8, S. 112.
17 Vgl. Artikel „Erste Gemeindeverordnetensitzung in Rähnitz-Hellerau nach Gleichschaltung“ aus Dresdner Heidezeitung vom 6.5.1933 in: StAD 9.1.36 Nr. 8, S. 6.
18 Vgl. ebd.

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Unter diesem Titel hielt Prof. Michelis anlässlich der 100-Jahr Feier des Festspielhauses einen Lichtbildvortrag mit vielen Fotos aus der Zeit direkt nach der Wende. Um dem Vergessen vorzubeugen, möchten wir einige dieser interessanten Zeitdokumente hier veröffentlichen. Die Nummern in eckigen Klammern in der darauffolgenden Kommentierung verweisen auf das entsprechende Foto in der Galerie.

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Mit dem Tod von Lothar Dunsch, seinem Gründer und Chef, stirbt auch der Hellerau-Verlag. Der Chemie-Professor starb im Herbst letzten Jahres nach schwerer Krankheit. 1990 gründete er aus Interesse an der sächsischen Kulturgeschichte seinen eigenen Verlag, quasi als Hobby, und sah sich in einer  Tradition mit den frühen Hellerauer Verlegern, wie Jacob Hegener.

Mit seiner Verlagsarbeit hat Lothar Dunsch maßgeblich zur Renaissance von Hellerau nach der Wende beigetragen. Viele Bücher über die Geschichte von Hellerau, die in rein kommerziellen Verlagen keine Chance gehabt hätten, sind von ihm veröffentlicht worden. Einige davon sind auf unserer Literaturseite zu finden.

Leider werden diese Bücher in Kürze im Buchhandel nicht mehr zu bekommen sein. Der Bürgerverein hat zumindest von allen ein Exemplar in seiner Vereinsbibliothek.

Hellerau hat in seiner Geschichte weit über Dresden hinaus Spuren hinterlassen und hin und wieder führen solche Spuren zurück nach Hellerau, wie diese:

Im Mai letzten Jahres übereignete Prof. Jochimsen aus Flintbek bei Kiel dem Bürgerverein eine Reihe Fotos und Postkarten aus dem Nachlass seiner Tante. Kristin Jochimsen war in den Jahren 1933- 1935 Schülerin der Menzler-Marsmann-Schule für Gymnastik in Hellerau. Die Schule befand sich in diesen Jahren auf dem Tännichtweg, das Wohnheim im Haus Nr. 9, der Übungsraum in der Nr. 5.

Dora Menzler hatte ihre Schule für Rhythmische Gymnastik 1931 von Leipzig nach Hellerau verlegt. Mit der Machergreifung der Nationalsozialisten wurde sie als Halbjüdin vom Festspielhausgelände verdrängt und zog sich nach Wustrow an der Ostsee zurück, wo auch jeden Sommer ihre Schule stattfand. Ihre bewährte Lehrerin Hildegard Marsmann führte die Schule nach Menzlers pädagogischem Konzept am Tännichtweg weiter.

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